Warum wir gezielt über Risikomanagement nachdenken sollten – egal ob Profi oder Amateur im Sport, im Job oder im Privaten
Ein Sturz, der die Sportwelt erschütterte: Lindsey Vonns dramatisches Olympia-Aus in Cortina d’Ampezzo am 8.2.2026 hat eine Debatte entfacht, die weit über die Skipiste hinausreicht. Warum startet eine Athletin trotz eines frischen Kreuzbandrisses? Wo verläuft die feine Linie zwischen professioneller Fokussierung und gefährlichem Risiko?
In diesem Interview mit SWR Aktuell spreche ich am 9.2.2026 über die psychologischen Hintergründe von Spitzenleistungen unter Extrembedingungen. Wir beleuchten, warum die Risikoabwägung bereits vor dem Start abgeschlossen sein muss, um im entscheidenden Moment keine Zweifel zuzulassen, und warum diese mentalen Strategien nicht nur für Skiprofis, sondern alle Sportlerinnen – und auch für Chirurgen oder Führungskräfte über Erfolg und Sicherheit entscheiden.
Höre oder lese hier das vollständige Gespräch zur Psychologie der Grenzüberschreitung und des persönlichen Risikomanagements.
Hier das wichtigste in Kürze:
- Leidenschaft und Grenzüberschreitung: Der Drang, trotz Verletzungen zu starten, entspringt einer tiefen Leidenschaft und der Tatsache, dass Spitzensport grundsätzlich auf dem Prinzip der Grenzüberschreitung basiert.
- Kein blindes Ausblenden: Professionelles Mentaltraining bedeutet nicht, Gefahren zu ignorieren, sondern den Fokus so zu professionalisieren, dass man optimal mit den vorhandenen Risiken umgeht.
- Präzise Vorbereitung: Professionelle Sportler analysieren die Herausforderungen genau. Skifahrer analysieren beispielsweise die Piste (z. B. Wellen) genau, um nicht als „Hasardeure“ blindlings zu handeln, sondern durch gezielte Fokussierung die Kontrolle zu behalten. Gleiches gilt analog für andere Sportarten
- Entscheidung vor dem Start: Die Risikoabwägung muss zwingend vor Beginn der Aktion abgeschlossen sein; Zweifel während der Ausführung erhöhen die Gefahr massiv.
- Übertragbarkeit auf andere Berufe: Die Techniken zur Fokussierung (wie etwa Sporthypnose) sind identisch mit denen, die auch Chirurgen bei Operationen oder Führungskräfte in Stresssituationen anwenden, um Spitzenleistungen zu erbringen.
- Individuelle Kontrollerwartung: Was für Laien extrem wirkt, ist für Profis das Ergebnis jahrzehntelangen Trainings und einer hohen subjektiven Kontrollerwartung.
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Moderator (Andreas Fischer): SWR Aktuell mit Andreas Fischer, guten Morgen. Lindsey Vonn, Ski-Legende aus den USA, wollte es noch mal wissen in dem Sport, den sie jahrelang dominiert hatte. Eigentlich hatte sie ihre Karriere schon lange beendet, doch für die Olympischen Spiele in Italien kam sie zurück. Mit 41 Jahren wollte sie noch mal Gold gewinnen. Dabei ließ sie sich auch von einem Kreuzbandriss nicht aufhalten, den sie nur neun Tage vor dem ersten Olympia-Rennen erlitten hatte. Gestern ging Vonn dann mit der Startnummer 13 auf die Abfahrtspiste in Cortina d’Ampezzo. Doch nur wenige Sekunden nach dem Start folgte die Katastrophe. Die ARD-Kommentatoren Bernd Schmelzer und Felix Neureuther waren ziemlich entsetzt.
[Einspieler Live-Kommentar]:
- Kommentator: Gänsehaut-Moment bei Olympia! Lindsey Vonn! Come on, Lindsey! Was für eine Geschichte. 12 Mal hat sie hier gewonnen, sie stand hier 20 Mal auf dem Podest in Cortina. Was für eine Serie von Lindsey Vonn. Der Papa ist da… ich will ihr fast zurufen, dass sie es nicht übertreibt.
- Kommentator: Ja… und weg! Aus! Vorbei!
- Kommentator: Oh Gott… Aus und vorbei. Ach, Scheiße. Ah komm, bitte geht nicht da drauf mit der Kamera, komm geht doch da weg, danke.
- Kommentator: Es ist ein Alptraum. Das war ein Sturz, den ich ehrlich gesagt in fast 40 Jahren so noch nicht gesehen habe in dieser Brutalität. Bitte die Bilder nicht zeigen oder zumindest den Ton weg, es ist unerträglich. Es ist unerträglich.
Moderator: Tja, und was die beiden da kritisieren, ist, dass in der Fernsehübertragung noch minutenlang Vonns Schmerzensschreie zu hören waren. Die Sportlerin wurde laut italienischen Nachrichtenagenturen gestern noch am linken Bein operiert. Der Trainer der USA hatte am Abend im Schweizer Fernsehen gesagt, dass sie sich wohl einen Bruch im Unterschenkel zugezogen hat. Viele hatten sich schon vor dem Start gefragt: Was ist mit Lindsey Vonn los, dass sie mit einem Kreuzbandriss überhaupt startet?
Dunja Lang ist Mentalcoach und sportpsychologische Expertin und sie betreut auch Alpin-Skifahrer. Guten Morgen, Frau Lang!
Dunja Lang: Ja, guten Morgen!
Moderator: Frau Lang, was treibt eine Frau dazu, mit einer Verletzung in ein Olympia-Rennen zu gehen, mit der andere erst mal monatelang in die Reha gegangen wären?
Dunja Lang: Ja, zum einen ist es die absolute Leidenschaft für den Sport. Man hat lange hingearbeitet – Sommer, Kraftraum und vieles mehr. Und dann Olympia: Die Chance gibt’s nur alle vier Jahre. Dann ist natürlich die Frage: Gibt es trotz Verletzung noch eine Chance? Spitzensportler sind so gepolt, dass wenn es eine Chance gibt, man die natürlich wahrnehmen will. Spitzensport bedeutet ja immer Grenzüberschreitung, auch schon vorher im Training, auch mental. Die Abwägung „Was ist wirklich noch drin, was nicht?“ ist natürlich häufig ganz schwierig. In dem Fall muss man ja sagen, dass es ein Fehler war, bei dem sie zu nah am Tor war. Das heißt, es hat erst mal ursächlich auf den ersten Blick auch nichts mit dem Knie zu tun.
Moderator: Aber möglicherweise natürlich dann so die Folgen eines Sturzes, ne? Das kann natürlich schon sein, wenn das Knie angeschlagen ist, kann man es möglicherweise nicht mehr so abfedern – wobei das jetzt viel Spekulation ist. Vonn ist ja bei weitem nicht die einzige, die Risiken eingeht. Bei der Tour de France zum Beispiel, da stürzen Menschen mit 60 km/h auf den Asphalt, lassen sich, wenn nicht gerade die Knochen gebrochen sind, ein neues Fahrrad geben und rasen mit blutender Hüfte weiter. Kann man als Spitzensportler nur ganz vorne mit dabei sein, wenn man diese enorme Risikobereitschaft hat?
Dunja Lang: Ja, ich sag mal so: Es ist ja nicht von Null auf Hundert und Olympia, sondern Spitzensport ist ein Leben, das wird von klein auf aufgebaut und man steigert sich. Das heißt, das ist jetzt nicht vergleichbar mit einem in Anführungszeichen „normalen“ Menschen, sondern Spitzensportler machen Jahrzehnte nichts anderes, das ist ein Leben. Das hat natürlich dann auch mit Kontrollerwartung zu tun. Diejenigen, die sich bei der Tour de France den Berg quasi mit dem Rad runterstürzen, die haben das X-fach gemacht. Man muss auch sagen, dass es auch im Alltag Risiken und risikobereite Menschen gibt, die mit 200 auf der Autobahn fahren auf der linken Spur. Das hat jetzt nicht nur was mit Spitzensport zu tun. Auch Unternehmer, die 70 Stunden arbeiten, ihre Gesundheit gefährden, anstatt dass sie Pausen machen. Risiko ist jetzt nicht nur ein Teil von Spitzensport, sondern Menschen, die Spitzenleistung wollen, gehen Risiken ein. Dann ist es natürlich immer eine individuelle Abwägung: Welches Risiko wähle ich für mich und welches kann ich eingehen?
Moderator: Sie selbst bringen ja Spitzensportlern bei, wie man Risiken ausblendet und sich nur auf eins – jetzt in Lindsey Vonns Fall die Piste – konzentriert. Wie genau geht das?
Dunja Lang: Na ja, es ist weniger ein Ausblenden, also Ignorieren von Risiken, sondern eine Professionalisierung des mentalen Fokus, wie man mit den Risiken umgeht. Das machen Spitzensportler im Skisport: Sie sagen, wo ist eine Welle, worauf muss ich achten? Das heißt, das sind nicht Hasardeure, die sich irgendwie blind runterstürzen und mit irgendwelchen Psychomethoden Risiken ausblenden, sondern es wird trainiert, wie man mit den Risiken optimal durch Fokussierung umgeht. Da gibt’s verschiedene Methoden. Unter anderem nutze ich Sporthypnose, ich habe da eine professionelle Ausbildung. Wichtig ist zu verstehen: Die Risikoabwägung muss natürlich vor dem Start erfolgen, damit, wenn man dann startet und sich entscheidet, man dann nicht zum Zweifeln anfängt oder Angst bekommt. Weil das ist natürlich gefährlicher, wenn man mittendrin Zweifel bekommt oder an andere Dinge denkt. Das kann man im Übrigen auch für andere Themen nutzen: Wenn jetzt ein Chirurg während der OP Zweifel bekommt, ob er der Richtige dafür ist, dann ist das ziemlich ungünstig. Also diese Fokussierungsmethoden werden eben nicht nur im Spitzensport, sondern auch für Spitzenleistung benutzt. Und es ist egal, ob es ein Spitzensportler, ein Chirurg oder ein Vorstandsvorsitzender ist, der eine überzeugende Rede halten muss.
Moderator: Einblicke in die Welt des Mentaltrainings waren das von Dunja Lang. Sie ist Mentalcoach und sportpsychologische Expertin aus Landsberg am Lech. Frau Lang, vielen Dank für das Gespräch heute früh!
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